Wiedererkennen von Personen

Das Problem

Der Strafprozess lebt vom Zeugenbeweis, der bekanntlich enorm unzuverlässig ist. Soll der Zeuge den Täter wiedererkennen, stellt das für diesen eine beachtliche Leistung dar, die dementsprechend fehleranfällig ist. Um so mehr muss es irritieren, wenn viele Gerichte dieser Gefahr der „Falschidentifizierung“ mit gar jugendlichen Leichtsinn begegnen.

Unterscheide Wiedererkennen und Identifizieren

Neuhaus/Artkämper1 weisen zu Recht darauf hin, dass die beiden Begriffe unzulässiger weise synonym verwendet werden. Geht es darum, dass ein Tatzeuge versuchen soll den von ihm am Tatort gesehenen Täter nachträglich anhand von Bildern, Video oder Live zu bestimmen, handelt es sich um keine Identifikation, sondern um Wiedererkennen.

Unterschiedliche Verfahren und Situationen zum Wiedererkennen

  • Wahllichtbildvorlage
  • Einzellichtbildvorlage
  • Wiedererkennen im Gerichtssaal
  • Wiederholtes Wiedererkennen

Beweiswert der Wiedererkennung

Beweiswert in der Beweiswürdigung

Der Beweiswert, der von den Gerichten dem Wiedererkennen zugemessen wird, muss im Rahmen der der freien Beweiswürdigung (§ 261 StPO) gesicherte wissenschaftliche Erkenntnisse beachten.2 Aufgrund der Fehlerträchtigkeit der Wiedererkennungsleistung dürfte der Beweiswert als insgesamt niedrig anzusehen sein; im Konkreten richtet er sich aber nach der Art und Umsetzung des Wiedererkennungsverfahrens.

Beweiswert nach wissenschaftlichen Erkenntnissen

Eine Felduntersuchung3 kommt zu folgenden „Trefferquoten“ beim Wiedererkennen.

Nach 24 Stunden sollten „Zeugen“, die ca. 15 Sekunden mit anderen Personen interagierten (Frage nach einer Wegbeschreibung), diese anhand einer Einzellichtbildvorlage oder unter mehreren Fotos wiedererkennen.

Die Trefferquote war bei 55%, die Quote einer Falschidentifikation (Person war nicht auf Lichtbildern) lag bei 53 %.
Bereits nach 2 Stunden waren die Fehlerquoten ähnlich.

In er Realität dürften die Fehlerquoten noch höher sein. 4

Literatur

  • Artkämper: »Fehlerquellen bei Gegenüberstellung und anderen (Wahls-)Identifizierungsmaßnahmen«, StRR 2007, 210, 215
  • Burhoff: „Handbuch für das strafrechtliche Ermittlungsverfahren«, 7. Auflage 2015. Rn. 2056 ff (Gegenüberstellung)
  • Eisenberg: »Beweisrecht der StPO – Spezialkommentar«, 10. Auflage 2017, Rn. 1383 ff. (Personenidentifizierung), 1475 ff. (Revision)
  • Englert/Petzold: »Eigene Sachkunde des Gerichts schlägt wissenschaftliche Erkenntnisse«, confront 2016, Heft 1, 68
  • Groß-Bölting/Kaps: »Optische und akustische Identifikation von Personen« in Bockemühl: »Handbuch des Fachanwalts – Strafrecht«, 7. Auflage 2018, 2. Teil 4.Kapitel Rn. 297 ff.
  • Neuhaus/Artkämper: »Kriminaltechnik und Beweisführung im Strafverfahren«, 1. Auflage 2014, Rn. 468 ff »Wiedererkennen und Identifizieren«
  • Nöldecke: »Zum Wiedererkennen des Tatverdächtigen bei Gegenüberstellung und Bildvorlage«, NStZ 1982, 193
  • Odenthal: »Die Gegenüberstellung im Strafverfahren«, 3. Auflage 1999
  • Odenthal: »Identifizierung von Verdächtigen, Gegenüberstellung und Wahllichtbildvorlage«, StraFo 2013, 62
  • Sporer: »Personenidentifizierung« in Volbert/Steller: »Handbuch der Rechtspsychologie«, 1. Auflage 2008, S. 387 ff.
  • Sporer/Sauerland/Kocab: »Personenidentifizierung« in Bliesener/Lösel/Köhnken: »Lehrbuch Rechtspsychologie«, 1. Auflage 2014, S. 156 ff

Fußnoten

  1. Neuhaus/Artkämper: »Kriminaltechnik und Beweisführung im Strafverfahren«, 1. Auflage 2014, Rn. 468.
  2. Schluckebier in Satzger/Schluckebier/Widmaier: »StPO«, 3. Auflage 2018, § 261 Rn. 20; BGHR § 261 Erfahrungssätze 1 bis 5.
  3. Yarmey, Yarmey & Yarmey: »Accuracy of eyewitness identification in showups and lineups«, Law and Human Behavior, 20, 459-477; vgl. Sporer/Sauerland/Kocab: »Personenidentifizierung« in Bliesener/Lösel/Köhnken: »Lehrbuch Rechtspsychologie«, 1. Auflage 2014, S. 167.
  4. Sporer/Sauerland/Kocab: »Personenidentifizierung« in Bliesener/Lösel/Köhnken: »Lehrbuch Rechtspsychologie«, 1. Auflage 2014, S. 167 mit Hinweis auf die Meta-Analyse von Deffenbacher/Bornstein/McGorty & Penrod: »Forgetting the once-seen face: Estimating the strength of an wyewitness’s memory representation«, Journal of Experimental Psychology: Applied, 14, 139-150.

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