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Die »Reid-Methode« (engl. Reid technique) ist eine eine systematische Befragungs- und Vernehmungsstrategie für die Beschuldigtenvernehmung. Klare Intention ist die Erzielung von Geständnissen1, nicht etwa die Erforschung der Wahrheit2.

Die Methode

Die Intention der Reid-Methode

Primäres Ziel ist es, Geständnisse zu produzieren. Dies wird gefördert durch

  • Minimierung der negativen Konsequenzen eines Geständnisses, und
  • Maximierung der mit dem Leugnen verbundenen Angst des Beschuldigten.3

es geht den Vernehmen also darum

  • den Widerstand des Beschuldigten zu brechen, und
  • den Wunsch zum Ablegen eines Geständnisses zu stärken.4

Der Ablauf der Vernehmung

Vorbefragung („interview“)

Im Vorgespräch sollen die Vernehmer anhand von verbaler und nonverbaler Verhaltensmerkmalen bestimmen, ob der Beschuldigte schuldig oder nicht ist (sog. Behavioral Analysis Interview).5

Verhör („interrogation“)

Die eigentliche Vernehmung erfolgt nach einer festen Struktur in 9 Stufen:

  1. Direkte positive Konfrontation
  2. Themenbildung
  3. Handhabung der Leugnung
  4. Überwältigung der Einsprüche
  5. Wiederherstellung der Aufmerksamkeit
  6. Handhabung passiver Einstellung
  7. Präsentieren der „Alternativen Frage“
  8. Das mündliche Geständnis
  9. Vernehmung zur Protokollaufnahme

Beachten Sie bitte die strikte Zweiteilung der Vernehmung:
Im Ersten großen Teil (Stufe 1 bis 8) wird das Geständnis erzeugt.
Im Zweiten Teil wird die Vernehmung pro forma wiederholt für das Protokoll.

Kritik an der Methode

Vorgespräch wissenschaftlich nicht zuverlässig

Die Einschätzung nach nach dem Vorgespräch, ob der Beschuldigte schuldig oder unschuldig sein soll ist nach Empirischen Erkenntnissen unzuverlässig.6

Damit manifestiert sich gegebenenfalls eine falsche Arbeitshypothese des Vernehmers, welche die weitere Vernehmung beeinflusst.

Gefahr von falschen Geständnissen

Die Reid-Methode ist manipulativ und suggestiv. Dies erhöht die Gefahr von falschen Geständnissen.7

Insbesondere die Anwendung sog. Minimierungstechniken und Maximierungstechniken können zwar auch wahre Geständnisse fördern, erhöhen aber deutlich die Wahrscheinlichkeit für falsche Geständnisse.8

Verbotene Vernehmungsmethode

Die Reid-Methode ist mit § 136a StPO unvereinbar. 9 Auch die Bundesregierung sieht die Reid-Methode in Hinblick auf § 136a StPO kritisch.10

Anwendung der Reid-Methode in Deutschland

Weltweit sollen hunderttausende Vernehmungsbeamte in der Reid-Methode unterrichtet worden sein.11

Dennoch sollen Mitarbeiter der Bundesbehörden angeblich nicht in Reid-Methode geschult worden sein und würden diese auch nicht anwenden. So jedenfalls die Auskunft der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage zur Reid-Methode.12

In Bayern wurden 2001 und 2002 wurden Reid-Seminare durch das Fortbildungsinstitut der Bayerischen Polizei und durch die Fa. Reid Inc. angeboten und durchgeführt. 13

Auch in anderen Bundesländern wurde u.a. auf Initiative des Bund deutscher Kriminalbeamter die Reid-Methode geschult.14

Die Auskünfte der Politik und der Justiz sind mit Vorsicht zu genießen. Die Reid-Methode ist eine geschützte Marke, so dass schon aufgrund rein fiskalischer Erwägungen eine Anwendung nicht ratsam, da kostenintensiv, wäre. Wenn man das Kind aber anders benennt, ist das schon interessanter. Die im Artikel genannte Kleine Anfrage hat es der Bundesregierung also leicht gemacht.

So sollen z.B. auch englische Vernehmungsbeamte nie in der Reid-Methode beschult worden sein, haben diese nach einer Studie gleichwohl angewandt. 15

Literatur

  • Heiko Artkämper / Karsten Schilling: »Vernehmungen – Taktik, Psychologie, Recht« 3. Auflage 2014, kartoniert, Verlag Deutsche Polizeiliteratur, ISBN 978-3801107314 (insbesondere S. 113 ff.)
  • J.P. Buckley: »Schriftliche Stellungnahme durch den Präsidenten an die Akademie für Polizei in Freiburg, 2002, nicht veröffentlicht.
  • Andreas Geipel: »Handbuch der Beweiswürdigung« 3. Auflage 2017, gebunden, ZAP-Verlag, ISBN 978-3896558619 (insbesondere § 33 Rn. 20 ff.
  • Klaus Habschick: »Erfolgreich Vernehmen – Kompetenz in der Kommunikations-, Gesprächs- und Vernehmungspraxis« 4. Auflage 2016, kartoniert, Kriminalistik Verlag, ISBN 978-3783200447
  • Max Hermanutz: »Stellungnahme an das Innenministeriumzur Einschätzung der Reid-Technik«, 2002, unveröffentlicht
  • Max Hermanutz / Sven Litzcke: »Vernehmung in Theorie und Praxis: Wahrheit – Irrtum – Lüge«, 3. Auflage 2012, kartoniert, Richard Boorberg Verlag, ISBN 978-3415048850 (insbesondere Kapitel 7.4 Seite 120 f.
  • Renate Volpert / Claudia Böhm: »Falsche Geständnisse« in Renate Volpert / Max Steller »Handbuch der Rechtspsychologie« 2008, gebunden, Hogrefe Verlag, ISBN 978-3801718510
  • Renate Volpert / Lennart May: »Falsche Geständnisse in polizeilichen Vernehmungen – Vernehmungsfehler oder immanente Gefahr?« in R & P (Recht und Psychiatrie), 2016 Heft 1, Seite 4 – 10 (Schwerpunktheft: Fehlerquellen im Strafprozess)

Weblinks


Fußnoten

  1. Artkämper/Schilling »Vernehmungen«, 3. A, S. 113.
  2. Anmerkung von Sascha Petzold.
  3. Artkämper/Schilling »Vernehmungen«, 3. A, S. 113.
  4. Artkämper/Schilling »Vernehmungen«, 3. A, S. 114; Habschick »Erfolgreich Vernehmen«,  3. A., S. 9.
  5. Volpert/May, »Falsche Geständnisse …«, S. 5..
  6. Depaulo / Lindsay / Malone / Muhlenbruck / Charlton / Cooper: » Cues to Deception« in Psychological Bulletin 129: 74 – 118 (2003); zitiert nachVolpert/May, »Falsche Geständnisse …«.
  7. SK-StPO/Velten, 5. Aufl. 2016, § 261 Rn. 34c; Habschick »Erfolgreich Vernehmen«,  3. A., S. 5 ff.
  8. Volpert/May, »Falsche Geständnisse …«, S. 5..
  9. Artkämper/Achlillingen »Vernehmungen«, 3. A., S. 15..
  10. BT-Drs. 18/1413 (2015): Antwort der Bundesregierung auf die Kleine Anfrage (BT-Drs. 18/1262) „Ausbildung in und Nutzung der Reid-Methode durch deutsche Bundesbehörden“, Seite 2.
  11. Geipel »Beweiswürdigung«, § 33 Rn. 21..
  12. BT-Drs. 18/1413 (2015): Antwort der Bundesregierung auf die Kleine Anfrage (BT-Drs. 18/1262) „Ausbildung in und Nutzung der Reid-Methode durch deutsche Bundesbehörden“, Seite 2.
  13. Kroll »Reid Methode«, Seite 12.
  14. Kroll »Reid Methode«, Seite 12.
  15. Gudjonsson: »The Psychology of Interrogations and Confessions«, Seite 41; zitiert nach Geipel »Beweiswürdigung«, § 33 Rn. 20, Rn. 48..

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